Warum Routinen oft nicht halten
Es gibt diese Phase am Anfang eines neuen Jahres, in der vieles plötzlich möglich erscheint.
Mehr Sport. Früher aufstehen. Regelmäßig lesen. Weniger am Handy sein. Endlich eine Morgenroutine haben, die nicht daraus besteht, dreimal auf Snooze zu drücken und anschließend hektisch in den Tag zu starten.
Im Januar fühlt sich das oft erstaunlich machbar an. Ein paar Wochen später sieht es anders aus.
Der Februar beginnt, die Fitnessstudios werden wieder leerer und manche der Dinge, die wir dieses Jahr unbedingt anders machen wollten, verschwinden langsam aus unserem Alltag.
Nicht unbedingt, weil sie uns nicht mehr wichtig sind. Sondern weil Motivation irgendwann nicht mehr reicht.
Und dann zeigt sich, ob aus einem guten Vorsatz etwas geworden ist, das auch an einem ganz gewöhnlichen Dienstag noch funktioniert.
Wenn aus Motivation Alltag werden soll
Routinen beschäftigen uns ständig, auch wenn wir sie nicht immer als solche wahrnehmen.
Marius muss morgens nicht darüber nachdenken, ob er sich stretcht. Er steht auf und macht es. Sport gehört für ihn inzwischen so selbstverständlich zu seinem Leben, dass er sich selbst als Sportler bezeichnet.
Bei Patricia ist Sport noch keine solche Selbstverständlichkeit.
Sie möchte Sport schon länger kontinuierlicher in ihren Alltag integrieren. Nicht, weil sie grundsätzlich keinen Sport macht. Das Problem beginnt dort, wo das Leben dazwischenkommt.
Ein paar Wochen läuft es gut. Dann wird es bei der Arbeit stressiger, eine Verabredung kommt dazwischen oder ein Tag läuft anders als geplant. Aus einer ausgelassenen Einheit werden zwei oder drei.
Und dann kommt dieser Gedanke: Jetzt bin ich sowieso raus. Dann eben nächsten Monat wieder.
Die beste Routine bringt nichts, wenn sie nicht zu deinem Leben passt
Wir sehen online ständig Routinen anderer Menschen.
Jemand steht um fünf Uhr auf, meditiert eine Stunde, schreibt Tagebuch, trainiert, liest dreißig Seiten und hat vermutlich schon sein halbes Leben optimiert, bevor andere überhaupt den ersten Kaffee trinken.
Das kann inspirierend sein. Es kann aber auch vollkommen am eigenen Alltag vorbeigehen. Nicht jeder hat morgens drei Stunden Zeit. Nicht jeder funktioniert früh gut. Kinder, Arbeitszeiten, Partnerschaften und der eigene Biorhythmus verändern, was realistisch ist.
Patricia hat beispielsweise gemerkt, dass Sport am Abend für sie häufig nicht funktioniert. Nicht, weil abends grundsätzlich eine schlechte Zeit dafür wäre.
Deshalb versucht sie gerade etwas anderes. Sie macht die Bewegung zu einem Teil ihres Morgens.
Die Yogasachen im Bad
Die Veränderung beginnt bei Patricia erstaunlich unspektakulär. Abends legt sie ihre Yogasachen ins Bad.
Es braucht dafür weder eine besondere Vorbereitung noch ein ausgefeiltes System. Eine bequeme Leggings, ein Oberteil und ihre Yogasocken liegen dort, wo sie morgens sowieso vorbeikommt.
Sie steht auf, geht ins Bad und zieht die Sachen direkt an. Das klingt fast zu einfach, um einen Unterschied zu machen.
Doch diese Kleinigkeit nimmt ihr am nächsten Morgen bereits eine Entscheidung ab.
Wenn Patricia ihre Yogasachen trägt, muss sie nicht mehr überlegen, was sie anzieht, ihre Sachen zusammensuchen oder entscheiden, ob sie jetzt wirklich anfangen möchte.
Sie ist bereits einen Schritt weiter. Die Entscheidung ist kleiner geworden. In dieser Woche funktionierte das gut. Bis ihre Schulter anfing weh zu tun.
Früher wäre das möglicherweise einer dieser Momente gewesen, an denen die Routine komplett abbricht. Kein Yoga bedeutet kein Sport. Kein Sport bedeutet: Heute hat es eben nicht geklappt.
Diesmal zog sie ihre Sachen trotzdem an. Sie ließ die Übungen weg, die ihre Schulter belasteten, setzte sich auf die Matte und machte stattdessen ein Stretching-Video.
Nicht das, was sie geplant hatte. Aber sie blieb in ihrem Ablauf. Morgens bedeutete weiterhin: Ich bewege meinen Körper.
Warum wir den Anfang häufig zu groß machen
Neue Routinen beginnen in unserem Kopf gerne mit der fertigen Version.
Aus dem Wunsch, mehr Sport zu machen, werden schnell mehrere Trainingseinheiten pro Woche. Ein Buch soll nicht nur öfter aufgeschlagen, sondern am besten jeden Abend dreißig Seiten gelesen werden. Und selbst aus ein paar Minuten Ruhe kann im Kopf bereits eine zwanzigminütige Meditation werden.
Dabei ist das Ziel oft gar nicht die Schwierigkeit. Viel größer ist der Abstand zwischen unserem heutigen Alltag und der Version, die wir am liebsten sofort erreichen würden.
Marius erzählte in der Folge von einem Beispiel aus James Clears Buch „Die 1%-Methode“. Ein stark übergewichtiger Mann wollte anfangen zu trainieren.
Seine Aufgabe bestand zunächst nicht darin, eine Stunde Sport zu machen. Er sollte ins Fitnessstudio fahren. Mehr nicht.
Dort ankommen, kurz hineingehen und anschließend wieder nach Hause fahren. Von außen betrachtet wirkt das fast absurd.
Warum sollte jemand zum Fitnessstudio fahren, wenn er dort nicht trainiert? Weil zunächst etwas anderes entstehen sollte.
Er sollte zu jemandem werden, für den es normal ist, regelmäßig ins Fitnessstudio zu fahren. Das Training konnte später wachsen.
Der erste Schritt musste nicht beweisen, wie ernst er es meinte. Er musste klein genug sein, damit er ihn wiederholen konnte.
Das Kissen auf der Couch
Marius versucht gerade, Atemübungen regelmäßiger in seinen Morgen einzubauen.
Sein Stretching funktioniert längst. Auch das Lesen am Morgen hat inzwischen seinen Platz gefunden.
Die Atemübungen sollen keinen völlig neuen Termin im Tagesablauf bekommen, sondern ihren Platz zwischen diesen beiden Gewohnheiten finden.
Während unseres Gesprächs entstand daraus eine kleine Idee.
Marius sitzt bei seinen Atemübungen gerne mit einem Kissen im Rücken auf der Couch.
Warum also das Kissen nicht schon am Abend dort hinlegen?
Am nächsten Morgen liegt es sichtbar an seinem Platz, während Marius sein Stretching macht. Es braucht dafür weder eine Erinnerung auf dem Handy noch eine besondere Planung. Das Kissen ist bereits da und signalisiert, was als Nächstes kommt.
Eine neue Routine braucht nicht immer einen großen Plan. Oft reicht ein sichtbarer Platz in einem Alltag, der ohnehin schon funktioniert.
Wenn eine Routine zu viel Willenskraft braucht
Veränderung braucht Überwindung. Manche Morgen fühlen sich schwer an, Training macht nicht immer Spaß und auch eine neue Gewohnheit findet selten sofort ihren Platz im Alltag.
Wenn wir jedoch dauerhaft gegen unseren Tagesablauf arbeiten müssen, lohnt sich ein anderer Blick.
Das Ziel muss nicht verschwinden, nur weil der erste Weg dorthin nicht funktioniert.
Patricia möchte sich regelmäßig bewegen. Für sie scheint der Morgen dafür verlässlicher zu sein als der Abend. Marius möchte seine Atemübungen etablieren und nutzt dafür einen Ablauf, der ohnehin schon zu seinem Morgen gehört.
Am Ende suchen beide keinen perfekten Ablauf, sondern einen, der sich auch an gewöhnlichen Tagen wiederholen lässt.
Wenn aus Überwindung ein vertrauter Ablauf wird
Routinen haben einen großen Vorteil. Sie nehmen uns Entscheidungen ab.
Wir müssen nicht jeden Morgen neu überlegen, ob Zähneputzen heute wirklich eine gute Idee ist. Wir diskutieren nicht jeden Abend darüber, ob wir uns abschminken oder den Wecker stellen.
Marius denkt morgens nicht lange darüber nach, ob er sich heute stretcht. Er macht es.
Mit der Zeit kann sich auch eine neue Routine so selbstverständlich in den Alltag einfügen.
Sie muss dadurch nicht weniger Anstrengung kosten. Aber wir müssen die Entscheidung dafür nicht jeden Tag aufs Neue treffen.
Der Tag, an dem die Routine nicht funktioniert
Keine Routine läuft jeden Tag nach Plan. Das Leben wird immer wieder dafür sorgen, dass ein geplanter Ablauf nicht funktioniert.
Wichtiger als diese Unterbrechung ist die Frage, was am nächsten Tag passiert. James Clear beschreibt dafür eine einfache Regel: “Never miss it twice”
Einmal auslassen kann passieren. Am nächsten Tag beginnt die Routine wieder. Denn aus einem ausgelassenen Training entsteht noch keine neue Gewohnheit. Erst wenn aus einer Ausnahme mehrere werden, kann sich langsam wieder ein anderer Alltag einschleichen.
Das nimmt gleichzeitig Druck heraus. Eine Routine muss nicht perfekt sein, um zu funktionieren. Sie muss zurückkommen können.
„Ich mache Sport“ oder „Ich bin Sportler“?
Marius beschreibt Sport nicht mehr als etwas, das er versucht, regelmäßig zu machen. Er sagt: Ich bin Sportler.
Dieser kleine Unterschied in der Sprache ist spannend. Es gibt einen Unterschied zwischen „Ich versuche gerade, mit dem Rauchen aufzuhören“ und „Ich bin Nichtraucher“.
Zwischen „Ich möchte mehr lesen“ und „Ich bin jemand, der liest“. Routinen verändern nicht mehr nur unseren Kalender. Sie verändern das Bild, das wir von uns selbst haben.
Das passiert nicht durch einen Satz vor dem Spiegel. Es entsteht durch Wiederholung. Jedes Mal, wenn wir etwas tun, liefern wir uns selbst einen kleinen Beweis dafür, wer wir sind.
Identität beginnt dabei oft viel unspektakulärer, als wir denken. Sie wächst mit den Dingen, die wir immer wieder tun.
Warum kleine Routinen so viel verändern können
Der Reiz großer Veränderungen ist leicht zu verstehen. Sie fühlen sich nach Aufbruch an.
Ein neuer Trainingsplan. Eine komplett neue Morgenroutine. Zehn neue Regeln für den Alltag. Nur muss unser Alltag diese Begeisterung später auch tragen können.
Patricia legt am Abend ihre Yogasachen ins Bad. Bei Marius bekommt das Kissen auf der Couch seinen festen Platz.
Beides sind keine spektakulären Veränderungen. Niemand würde daraus ein beeindruckendes Vorher-Nachher-Video machen.
Oft fängt eine Routine viel kleiner an. Mit etwas, das heute in unseren Alltag passt und morgen wieder einen Platz darin findet.
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Hör dir jetzt die ganze Folge an. Dort sprechen wir darüber, welche Routinen von uns funktionieren, welche wir nie wirklich hinbekommen und was wir bisher versucht haben: